Interview: Mia Klebe im Gespräch

Mia Klebe ist Sprecherin des Dachverbandes der Kinder- und Jugendgremien Brandenburg und war Mitglied im Kinder- und Jugendbeirat Prenzlau.

Gesche: Hallo Mia, schön, dass es geklappt hat! Wir starten direkt mit der ersten Frage: In was für einer Jugendbeteiligung bist du gerade aktiv?

Mia: Ich komme aus Prenzlau aus der wunderschönen Uckermark und bin dort seit dreieinhalb Jahren, bald vier Jahren im Kinder- und Jugendbeirat aktiv und gleichzeitig auch im Jugendforum bei uns im Landkreis. Seit zwei Jahren darf ich auch Sprecherin des Dachverbandes der Kinder und Jugendgremien sein.

Gesche: Wie bist du dazu gekommen, dich als Jugendliche im Jugendforum und im Jugendbeirat zu engagieren?

Mia: Bei mir hat das wirklich eine recht lustige Hintergrundstory. Ich war mit der damals aktuellen Vorsitzenden und einem ehemaligen Mitglied des Beirates bei einer Schulfahrt und wir sind alle drei zufällig in einem Zimmer gelandet. Die beiden haben über aktuelle Projekte gesprochen und mich dann so bisschen eingeweiht, damit ich auch verstehe, worüber sie gerade reden. Irgendwann nach der Fahrt haben wir uns zufällig – wir waren nicht in der gleichen Klasse – noch mal in der Schule gesehen. Dann ist sie auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich Lust hätte mal vorbeizukommen.

Gesche: Wie kann man sich die Arbeit in einem Jugendbeirat vorstellen?

Mia: Also einmal im Monat gibt es einen festen Termin, wo wir eine öffentliche Sitzung machen zu der auch Interessierte kommen können. In unserer aktivsten Zeit hatten wir dann fast wöchentlich interne Treffen, in denen wir an Projekten gearbeitet haben.

Wir haben zum Beispiel mit der Stadt zusammengearbeitet, dass Graffitiwände für Jugendliche zur Verfügung gestellt werden. An einem Nachmittag sind wir losspaziert und haben überall in der Stadt geguckt, wo gute Plätze wären. Dann haben wir überlegt, was für Plaketten an die Wände angebracht werden sollen. Viele Projekte waren eben mit der Stadt gemeinsam. Wir haben Stände auf Stadtfesten gehabt oder waren beim Seifenkistenrennen dabei – mit Dinokostüm.

Ansonsten haben wir in allen Schulen Briefkästen, wo die Jugendlichen Wünsche und Anliegen reinschmeißen können. Die haben wir regelmäßig ausgewertet und zum Beispiel Anfragen an die Stadtverwaltung weitergeleitet oder geguckt, ob wir etwas bei unseren nächsten Projekten einbauen können.

Einmal im Jahr versuchen wir eine Jugendkonferenz zu veranstalten, wo alle Jugendlichen, die Interesse daran haben, teilnehmen können. Wir bringen dann Themen aus den Schulen mit und versuchen Experten oder Ansprechpartner aus der Politik oder Verwaltung für den direkten Austausch zu gewinnen.

Gesche: Wie ist denn dieser Austausch mit den Kommunalpolitiker:innen? Werdet ihr zu Ausschüssen eingeladen? Wie gehen sie mit euch um?

Mia: Also bei uns ist tatsächlich, glaube ich, in der Satzung festgehalten, dass wir zu Themen, die uns betreffen, so oder so gefragt werden müssen. Unsere Stadt nimmt das auch recht ernst, dass wir die Anfragen bekommen. Das aktuellste, was mir jetzt einfällt, ist, dass ein neuer Rewe bei uns in der Stadt gebaut werden sollte. Wir wurden um eine Stellungnahme aus der Sicht der jungen Menschen gebeten.

Ansonsten sind wir bei dem uns betreffenden Ausschuss für Bildung, Kultur und Soziales vertreten und auch bei der Stadtverordnetenversammlung anwesend. Wir haben aber kein Rede- oder Antragsrecht. Dadurch, dass wir immer präsent waren, haben uns die Politiker aber wahrgenommen und sind gelegentlich auch auf uns zukommen, um nach unserer Meinung zu fragen.

Gesche: Das klingt ja auch so, dass sie euch auch zu generellen Themen befragen und nicht nur zu so vermeintlichen Jugendthemen.

Mia: Ja, also da haben wir wirklich ein enormes Glück. Auch unser ehemaliger Bürgermeister war immer sehr greifbar für uns. Wenn wir ein Anliegen hatten, konnten wir direkt zu ihm gehen und uns auf ihn verlassen, dass das auch so umgesetzt wird. Wir haben uns auch in der Stadtverwaltung eine Präsenz erarbeitet, sodass denen auch einfällt uns zu befragen.

Gesche: Für Jugendliche kann es in der Kommunalpolitik manchmal herausfordernd sein, zum Beispiel wegen eines raueren Tons oder weil Debatten häufig sehr lautstark geführt werden. Würdest du sagen, dass ihr in Prenzlau in dieser Hinsicht eher Glück habt?

Mia: Bei unserer Stadtverordnetenversammlung geht es tatsächlich größtenteils. Es könnte aber auch damit zu tun haben, dass die live übertragen wird und danach noch bei YouTube zu finden ist und sich viele Stadtverordnete dem auch bewusst sind. In meiner Freizeit habe ich mir nämlich auch immer die Ausschüsse vom Kreistag und die Kreistagssitzung angeguckt und da wird nichts live übertragen und das ist sofort eine komplett andere Atmosphäre. Da wurde es teilweise an einigen Stellen sehr persönlich und wirklich rau und unangenehm.

Gesche: Spannend! Nochmal zu deinem persönlichen Engagement. Was macht dir an der Beteiligung am meisten Spaß? Das Soziale oder auch das Gefühl was verändern zu können?

Mia: Ich würde sagen, es ist so ein bisschen beides. Am Anfang war da vor allem dieses Gefühl: sich nicht nur aufzuregen, sondern auch wirklich aktiv etwas zu machen, damit sich Dinge verändern. Ich denke mir halt, lieber habe ich es versucht – selbst wenn es am Ende nicht klappt – als gar nichts zu tun. Denn sonst hätte ich irgendwie auch nicht mehr das Recht, mich darüber zu beschweren, dass sich nichts ändert.

Mit der Zeit, als ich älter geworden bin, ist aber auch dieser soziale Aspekt viel wichtiger für mich geworden. Man lernt einfach unglaublich viele neue Leute kennen, und ich finde es spannend, Einblicke in ganz unterschiedliche Lebensrealitäten zu bekommen. Also zum Beispiel: Wie nehme ich die Stadt wahr, und wie sehen andere junge Menschen sie?

Bei mir ist es so, dass ich zum Beispiel gar nicht unbedingt die Person bin, die ständig draußen unterwegs ist – ich sitze auch total gern einfach mit einem guten Buch in meinem Zimmer. Aber es gibt eben viele Jugendliche, die ihre Zeit viel draußen verbringen, und dadurch einen ganz anderen Blick auf die Stadt haben. Und genau diese unterschiedlichen Perspektiven kennenzulernen, das finde ich einfach super spannend.

Gesche: Gibt es dann im Umkehrschluss auch Sachen, die dich nerven oder die anstrengend sind?

Mia: Absolut, das war bei uns auch ein ziemlich großes Thema. Der Anspruch, der an uns als ehrenamtlich engagierte Jugendliche gestellt wird, ist schon hoch – vor allem, weil wir das ja alles zusätzlich zur Schule in unserer Freizeit machen. Gerade wenn man zum Beispiel Veranstaltungen mit der Stadt plant, ist es oft schwierig, da auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Die Treffen finden dann häufig zu ganz normalen Arbeitszeiten statt, also zum Beispiel vormittags um zehn – und das ist für uns natürlich einfach nicht machbar. Wir können ja schlecht im Unterricht sagen: „Übrigens, ich bin jetzt mal weg, ich plane eine Veranstaltung mit der Stadtverwaltung.“

Und ein anderer Punkt ist, dass manche Erwachsene nicht so genau wissen, wie sie mit jungen Menschen umgehen sollen. Da wird es dann manchmal schwierig, als junger Mensch klare Grenzen zu setzen – also auch zu sagen: „Ich finde das gerade überhaupt nicht okay, wie hier mit mir gesprochen wird.“ Diese Grenze einzufordern ist nicht immer leicht, vor allem wenn sie von der anderen Seite nicht von selbst respektiert wird.

Gesche: Da gehört ja auch voll viel dazu als junger Mensch sich gegen eine Person durchzusetzen, die schon seit 30 Jahren arbeitet oder politisch aktiv ist. Ist das was, was du aber weitermachen möchtest? Könntest du dir zum Beispiel vorstellen, mal Kommunalpolitikerin oder Landespolitikerin zu werden?

Mia: Ich bekomme die Frage in letzter Zeit lustigerweise häufiger gestellt. Also Kommunalpolitik Ja. Ich habe damals tatsächlich auch für die Kommunalwahlen kandidiert, bin aber leider nicht reingekommen. Davor saß ich aber schon für ein Jahr als sachkundige Einwohnerin bei uns im Finanzausschuss.

Landespolitik kann ich mir aber nicht vorstellen. Ich finde den Beruf unglaublich interessant und theoretisch würde ich es voll gerne machen, aber ich kann mir nicht vorstellen so große Reden zu halten oder mich zum Beispiel mit einem Thema zu beschäftigen, was mich nicht wirklich interessiert. Wirklich größter Respekt an alle Abgeordneten, die es schaffen, sich dort hinzusetzen und sich das anzuhören, obwohl es sie nicht interessiert und ich weiß halt, ich könnte das nicht, deswegen würde ich das auch niemals machen wollen.

Aber grundsätzlich Politik würde ich noch weiterverfolgen, aber dann vielleicht eher als Fachreferentin oder Mitarbeiterin, da man so ja auch Impulse setzen kann, aber nicht das Gesicht in der Öffentlichkeit ist.

Gesche: Ich frage auch, weil in der Kommunalpolitik, im Landtag und in der Bundespolitik immer nur etwa ein Drittel Frauen vertreten sind. Wie ist das in deiner Erfahrung in dem Jugendbeirat und Dachverband?  Was für eine Rolle spielt da Geschlecht?

Mia: Doch, das spielt auf jeden Fall eine größere Rolle. Unser Beirat war bisher überwiegend weiblich geprägt – meistens waren wir so drei oder vier Frauen und vielleicht ein oder zwei männliche beziehungsweise auch FLINTA-Personen. Und an manchen Stellen war das schon ein bisschen konfliktgeladen. Wir haben zum Beispiel die Regeln immer ziemlich ernst genommen, und häufig kamen auch die Vorsitzende und die stellvertretende Vorsitzende aus unserem weiblichen Team. Da gab es dann vereinzelt männliche Mitglieder, die mit dieser Hierarchie nicht ganz so gut zurechtkamen und eher so die Haltung hatten: „Ach, so genau muss man das mit der Hierarchie ja nicht nehmen“ – oder auch dieses klassische Mindset von wegen, als Typ wisse man es irgendwie besser.

Im Dachverband ist das Thema auch präsent, aber ich würde sagen, auf einer etwas anderen Ebene. Viele, die sich dort engagieren, sind für solche Fragen schon stärker sensibilisiert. Es gibt zum Beispiel auch viele Projekte in dem Bereich, gerade rund um Awareness, und in den letzten Jahren wurden auch gezielt Workshops für FLINTA-Personen angeboten, um sie zu stärken.

Trotzdem merkt man, dass das Thema noch nicht komplett gelöst ist. Es gibt immer wieder Situationen, in denen männliche Personen – oft gar nicht bewusst oder mit böser Absicht – unterschwellig die Kompetenz ihrer weiblichen Mitstreiterinnen infrage stellen. Und genau das bleibt einfach eine Herausforderung.

Gesche: Du meintest vorhin auch, dass im Jugendbeirat jetzt weniger Leute aktiv sind. Meinst du, das ist eine Phase oder eine generelle Entwicklung gerade?

Mia: Ich glaube die Schulen hier machen es einem nicht immer einfach, wenn es darum geht, sich außerschulisch zu engagieren. Und als wir dann Abitur gemacht haben, sind viele von uns zum Studieren weggegangen und dadurch einfach weggebrochen. Ich bin damals noch dabeigeblieben, weil ich ein FSJ in meiner Stadt mache.

Jetzt ist es wieder eine ähnliche Situation: Es gibt viele Mitglieder in einem Jahrgang, die bald aufhören werden, weil sie ins Abitur gehen – und das parallel zu stemmen, ist schon echt anspruchsvoll. Deshalb stehen wir wieder vor der Herausforderung, neue, jüngere Leute zu gewinnen.

Ich glaube aber auch, dass das politische Umfeld eine Rolle spielt. Manche hätten eigentlich Interesse, haben aber auch ein Stück weit Angst, sich zu engagieren. Dazu kommt diese gewisse Politikverdrossenheit bei einigen Jugendlichen – dieses Gefühl, dass es am Ende sowieso keinen Unterschied macht, ob man sich einbringt oder nicht.

Und ich denke, das betrifft nicht nur uns, sondern auch viele Vereine generell: Es ist für junge Menschen heute vielleicht weniger selbstverständlich, sich in ihrer Freizeit langfristig zu engagieren.

Charlotte: Du hast vorhin gesagt, dass die Schule das nicht gerade so unterstützt, wenn Schüler*innen sich im Jugendbeirat engagieren. Könntest du das weiterausführen?

Mia: Grundsätzlich ist das leider erst mal ein systematisches Problem: Der Stoff ist einfach sehr umfangreich, man sitzt zwar den ganzen Tag im Unterricht, aber oft reicht die Zeit trotzdem nicht. Und dann hängt viel von der einzelnen Schule ab – wie gut sie organisiert ist, wie verlässlich der Unterricht läuft und auch, bei welchen Lehrkräften man es sich überhaupt leisten kann, mal zu fehlen.

Es gibt Schulen, die das richtig gut auffangen, wo wenig Unterricht ausfällt und wo auch außerschulisches Engagement unterstützt wird. Aber die Realität ist eben auch, dass vielerorts Lehrkräfte fehlen und Schulen froh sind, wenn sie den Unterricht überhaupt abgedeckt bekommen. Wenn dann jemand sagt: „Ich brauche nächste Woche frei für ein Projekt“, fällt das schnell genau auf einen Termin, an dem eine Arbeit geschrieben wird – und dann wird es organisatorisch einfach kompliziert. Aus Lehrkraftsicht kann ich das teilweise schon nachvollziehen.

Trotzdem gibt es große Unterschiede: Manche Schulen fördern Engagement aktiv, andere machen jede Freistellung zu einer Diskussion – selbst, wenn sie eigentlich offiziell erlaubt ist. Und es kommt auch vor, dass Lehrkräfte einen das im Nachhinein spüren lassen, zum Beispiel durch Kommentare, wenn es in einem Fach mal nicht so gut läuft.

Ich habe das selbst erlebt: Für einzelne Termine musste ich teilweise richtig kämpfen, obwohl ich insgesamt gar nicht viel gefehlt habe. Und genau das schreckt natürlich auch andere ab. Bei uns ist das oft Thema – man überlegt sich manchmal zweimal, ob man bei einem Projekt mitmacht, weil man schon ahnt, wie die Reaktion ausfallen könnte. Und das ist eigentlich schade, weil dadurch viele gute Möglichkeiten verloren gehen.

Gesche: Schade, dass das von manchen Lehrkräften nicht unterstützt wird. Aber vielleicht dann noch eine Frage so, hast du durch die Jugendbeteiligung bestimmte Fähigkeiten erlernt? Oder hatte es Auswirkungen auf dein Selbstbewusstsein und Eigenwirksamkeit?

Mia: Ich glaube, vor allem habe ich mehr Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen gewonnen. Und ich habe gelernt, genauer hinzusehen und besser zuzuhören. Gerade am Anfang wollte ich meine eigene Meinung immer sehr laut vertreten, aber inzwischen bin ich eher an dem Punkt, wo ich sage: Ich muss gar nicht immer selbst im Mittelpunkt stehen, sondern möchte auch anderen Raum geben und sie dabei unterstützen, ihre Positionen einzubringen.

Außerdem habe ich in der Zeit unglaublich viel über Bürokratie und politische Prozesse gelernt. Aber auch im Umgang mit Menschen hat sich viel verändert – ich höre mehr zu und versuche, weniger schnell zu urteilen. Ich bin relativ privilegiert aufgewachsen und musste auf vieles nicht verzichten. Früher habe ich mich dann oft gefragt, warum sich andere nicht engagieren. Inzwischen verstehe ich viel besser, dass es dafür ganz unterschiedliche Gründe geben kann – zum Beispiel familiäre Verantwortung oder finanzielle Zwänge.

Das ist auf jeden Fall das, was ich in der Zeit mitgenommen habe: Engagement ist eigentlich ein unglaubliches Privileg. Zwar ist es irgendwo auch eine Pflicht, wenn man etwas ändern möchte, aber dass halt nicht jeder die Möglichkeit hat, dem nachzukommen.

Das Interview wurden von Gesche Andert mit Unterstützung von Charlotte Stierand geführt.

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