Ausbildung oder Uni? Tischlerei oder Ingenieurwesen? Krankenpflege oder Lehramt? Oder etwas, von dem man bisher gar nicht weiß, dass es existiert?
Die Berufswahl ist keine einfache Entscheidung und wirft für viele Jugendliche zahlreiche Fragen auf: Was macht mir Spaß? Was kann ich gut? Aber auch: Wie sind die Arbeitsbedingungen? Die Bezahlung? Die Karrierechancen?
Auch das Geschlecht spielt dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Darum gibt es seit 2001 den Girl’s Day und seit 2011 zusätzlich den Boy’s Day. In Brandenburg wird er Zukunftstag genannt. Das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg (MBJS) ruft dazu auf, dass sich junge Menschen “bei der Berufswahl von ihren Interessen, Talenten und Begabungen und nicht von Stereotypen leiten lassen” sollen (MBJS 2026).
Am Girl’s Day sollen Mädchen Einblicke in männlich-dominierte Berufe und Studienfächer gewinnen (Girl’s Day). Dasselbe Prinzip gilt für Jungen, die am Boy’s Day weiblich-dominierte Berufsfelder kennenlernen (Boy’s Day).
Weiblich-dominierte Berufe sind solche, die einen Frauenanteil von 60% bis 70% aufweisen. Männlich-dominierte Berufe zeigen demnach einen Frauenanteil von 30% bis 40% auf (Bächmann, Fuchs, Kotte und Schels 2025, S. 178). Berufe, die zwischen diese Zahlen fallen, nennt man geschlechterintegrierte Berufe (ebd.).
In der Politik bewegt sich der Frauenanteil meist um die 30%. Entsprechend der oben definierten Einordnung ist es somit ein männlich-dominiertes Berufsfeld. Dies gilt vor allem für die Landes- und Bundespolitik. Im Landtag Brandenburg haben wir derzeit einen Frauenanteil von 27,3%.
In zehn Berufsfeldern, davon ist eins geschlechtsintegriert und eins männlich-dominiert, arbeiten 55% der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen (Bächmann, Fuchs, Kotte und Schels 2025, S. 179). Es stellt sich die Frage, warum es diese ausgeprägte Geschlechtersegregation in der deutschen Arbeitswelt gibt.
Persönlichkeit, Interessen und Fähigkeiten spielen bei der Berufswahl eine entscheidende Rolle, diese wiederum werden stark von Geschlechterstereotypen und Rollenbildern beeinflusst (Bächmann, Fuchs, Kotte und Schels 2025, S. 180). Manuelle und analytische Fähigkeiten werden gemeinhin als “männlich” angesehen, während soziale, kommunikative und haushaltsnahe manuelle Fähigkeiten als “weiblich” verstanden werden (Bächmann, Fuchs, Kotte und Schels 2025, S. 181).
Geschlechterstereotype werden durch Kita, Schule, Elternhaus und Gesellschaft immer noch – bewusst oder unterbewusst – an Kinder und Jugendliche weitergegeben. Durch die Wahl des Spielzeuges, zum Beispiel, werden bestimmte Fähigkeiten und Interessen in Kindern gefördert (Geo 2024). Dr. Marlene Kollmayer, Bildungspsychologin, erklärt, dass Spielzeuge wie Autos und Werkzeuge räumliches Denken, Durchsetzungsvermögen und Wettbewerbsorientierung fördern, das Spielen mit Puppen fördert hingegen verbale Fähigkeiten und die emotionale Intelligenz (Ortner 2016). Laut Yves Jeanrenaud haben Kinder ab 6 Jahren, schon das Stereotyp verinnerlicht, dass es eine „männliche Begabung für Mathematik und Logik“ gibt (Jeanrenaud 2025, S. 194).
Auch die Politik ist weiterhin von Geschlechterstereotypen gezeichnet. Vorstellungen von “Frauen- und Männerthemen” bestehen weiterhin. Frauen, die sich politisch für vermeintliche “Männerthemen”, wie Infrastruktur oder Finanzpolitik, interessieren und einsetzen, müssen sich oft stärker beweisen als ihre männlichen Kollegen. Ihre Expertise wird häufiger infrage gestellt oder weniger ernst genommen.
Aus unserer Arbeit mit Kommunal- und Landespolitikerinnen in Brandenburg wissen wir, dass Frauen sich mit geschlechtsspezifischen und sexualisierten Anspielungen, Beleidigungen und Bedrohungen konfrontiert sehen.
Die Plan International Studie 2022 befragte 1.000 Mädchen in Deutschland zu Politik und politischer Teilhabe (Plan International 2022). 84% der Befragten haben sich in der Vergangenheit politisch engagiert, 49% engagierten sich zum Zeitpunkt der Befragung in einer Gruppe oder Organisation. In diesem Hinblick ist interessant, dass sich nur 14% vorstellen können, für ein politisches Amt zu kandidieren. 1 von 5 Mädchen wurde durch persönliche Erfahrungen entmutigt, sich politisch zu engagieren. Die Studie zeigt deutlich, dass politisches Interesse bei Mädchen und jungen Frauen besteht und sie sich gerne und viel engagieren, aber nur wenige sehen sich in einem politischen Amt. Im Blogbeitrag zur politischen Teilhabe von Mädchen in Brandenburg gehen wir auf diese Thematik näher ein.
Dass der Aktionstag in Brandenburg unter dem Titel “Zukunftstag” läuft, wird diesen weiterhin bestehenden vergeschlechtlichten Einflüssen auf die berufliche Entscheidung junger Menschen nicht gerecht. In seiner Pressemitteilung behauptet das MBJS “Die Zeiten „typischer Männer- oder Frauenberufe“ sind lange vorbei – Frauen in technischen Berufen sind genauso selbstverständlich wie Männer im Pflegebereich oder in der Kita.” (MBJS 2026).
Die Realität lässt anderes vermuten: 4 von 5 Beschäftigten im sozialen Sektor sind Frauen (vgl. Hohendanner, Yollu-Tok 2025, S. 205), der Frauenanteil in MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) liegt bei 16% (Jeanrenaud 2025, S. 193). Geht man also allein von der numerischen Verteilung der Geschlechter in verschiedenen Berufsfeldern aus, gibt es sehr wohl noch „typische Männer- und Frauenberufe“. Nun könnte man hoffen, die Männer und Frauen, die in für sie untypischen Berufen arbeiten, werden dort als selbstverständlich angesehen. Das scheint aber leider nicht der Fall zu sein.
In Erfahrungsberichten erzählen Frauen oft von einem sexistischen Arbeitsumfeld: von frauenfeindlichen Witzen über geringere Aufstiegschancen bis zu sexuellen Übergriffen (GEW NRW 2018; MINTvernetzt 2024). Auch Männer im sozialen Sektor sehen sich mit Sexismus konfrontiert (GEW 2022).
Allein die Teilnahme am Girl’s Day reicht daher bei weitem nicht aus, um langfristige und tiefgreifende Veränderungen zu erzielen. Unter anderem kann der Girl’s Day beim Heranwachsen ein erstes Durchbrechen von stereotypisch-erlernten Mustern bedeuten. Dennoch ermöglicht nur die Auf- und Überarbeitung von arbeitsbereichsbezogenen Rahmenbedingungen, Arbeitskultur und Machtstrukturen einen nachhaltigen Wandel.
Julia Krüger vom KiJuBB sieht im Zukunftstag eine Möglichkeit, jungen Frauen eher männlich dominierte Bereiche, wie Politik, zu zeigen, entscheiden sind jedoch langfristige Formate, etwa in der Kinder- und Jugendbeteiligung umzusetzen, in denen sich junge Frauen sicher fühlen und gehört werden. Auch Anais von Flicks, ehemalige Sprecherin des Dachverbands der Kinder- und Jugendgremien Brandenburg, sieht den Zukunftstag als Anfang, aber eine ausgeglichene Geschlechterverteilung reicht nicht aus – auch die Strukturen in den Berufen müssen sich verändern.
von Gesche Andert und Charlotte Stierand
Quellen:
Bächmann, Fuchs, Kotte und Schels (2025), Berufliche Geschlechtersegregation in Deutschland: Entwicklungen, Erklärungen, regionale und qualifikatorische Unterschiede in Geschlechtergerecht gestalten – Möglichkeiten und Grenzen der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, Hrsg. Silke Bothfeld, Christian Hohendanner, Petra Schütt, Aysel Yollu-Tok
Boy’s Day, “Was ist der Boy’s Day?”, Internetseite, https://www.boys-day.de/ueber-den-boys-day/was-ist-der-boys-day2/ein-zukunftstag-fuer-jungen/deutsch
Ortner (2016), Mädchen- und Bubenspielzeug beeinflusst Entwicklung, derStandard.at., Zugriff: https://www.derstandard.at/story/2000032482843/maedchen-und-bubenspielzeug-beeinflusst-entwicklung-massgeblich
Geo (2024), Spielzeug verstärkt Stereotype – mit Folgen bis hin zum Arbeitsmarkt, Zugriff: https://www.geo.de/wissen/spielzeug-verstaerkt-stereotype—mit-folgen-35284478.html
GEW NRW (2018), Weg vom Püppchenimage: Frauen in männerdominierten Jobs, Zugriff: https://www.gew-nrw.de/neuigkeiten/detail/weg-vom-pueppchenimage-frauen-in-maennerdominierten-jobs
GEW (2022), „Du als Mann …“, Zugriff: https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/du-als-mann
Girls Day, “Was ist der Girl’s Day?”, Internetseite, https://www.girls-day.de/ueber-den-girls-day/was-ist-der-girls-day2/deutsch
Hohendanner, Yollu-Tok (2025), Gleichstellungspolitische Herausforderungen im sozialen Sektor in Geschlechtergerecht gestalten – Möglichkeiten und Grenzen der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, Hrsg. Silke Bothfeld, Christian Hohendanner, Petra Schütt, Aysel Yollu-Tok
Jeanrenaud (2025), Frauen in MINT-Berufen in Geschlechtergerecht gestalten – Möglichkeiten und Grenzen der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, Hrsg. Silke Bothfeld, Christian Hohendanner, Petra Schütt, Aysel Yollu-Tok
MBJS (2026), 23.April: Zukunftstag für Mädchen und Jungen, Pressemitteilung, Zugriff: https://mbjs.brandenburg.de/aktuelles/pressemitteilungen.html?news=brandenburg_06.c.901654.de
MINTvernetzt (2024), Arbeitswelt: Frauen & Mint, Kurzanalyse Frauen in MINT, Zugriff: https://www.mint-vernetzt.de/content/uploads/2024/02/MIN_Kurzanalyse_Frauen_Berufe_final.pdf
Plan International (2022), Welt-Mädchenbericht 2022 “Equal Power Now”, Zugriff: https://www.plan.de/fileadmin/website/05._Ueber_uns/Presse/Welt-Maedchentag/Welt-Maedchentag_2022/Girls-Report-Zusammenfassung-DE-2022-final.pdf