Politische Teilhabe von Mädchen 

Im April findet jedes Jahr der Zukunftstag statt: Ziel ist es, Jugendlichen Einblicke in Berufsfelder zu bieten, die für ihr Geschlecht “untypisch” sind. Ein Tag reicht aber nicht aus, um jahrelanger Sozialisierung, gesellschaftlichen Erwartungen und Arbeitsstrukturen entgegenzuwirken, die auf die Geschlechter unterschiedlich – und unfair – wirken. In der Politik sind Frauen unterrepräsentiert. Für eine Demokratie ist das ein Armutszeugnis. Mädchen bereits im Jugendalter durch Beteiligungsformate zu empowern, kann dem entgegenwirken.   

Wie im Blogbeitrag “Zukunftstag vs. Girl’s Day – Geschlechterstereotype in der Arbeitswelt abbauen” erläutert, können wir in Deutschland zwischen männlich-dominierten und weiblich-dominierten Berufen unterscheiden. Entscheidend ist hier die Verteilung der Geschlechter im jeweiligen Beruf. Im Landtag Brandenburg sind nur 27,3% der Abgeordneten weiblich (Landtag Brandenburg). Auf Bundesebene liegt der Frauenanteil bei 32,4% (Bundestag). Politik ist also ein männlich-dominiertes Berufsfeld. Auch in der Kommunalpolitik, wo Mandatsträger*innen ehrenamtlich Politik machen, liegt der Frauenanteil meist bei unter oder um die 30% – auch hier spielen Rahmenbedingungen, Geschlechterstereotypen und Rollenbilder eine zentrale Rolle.   

Die Rahmenbedingungen in der Kommunalpolitik machen es für Frauen unattraktiv, wenn nicht gar unmöglich, ein politisches Mandat wahrzunehmen.  

Frauen übernehmen weiterhin einen Großteil der Sorgearbeit. Dies erschwert die generelle Vereinbarkeit von Familie, Beruf und Ehrenamt. Der durchschnittliche wöchentliche Zeitaufwandsunterschied liegt hier bei ca. 9 Stunden mehr unbezahlter Care-Arbeit für Frauen (Statistisches Bundesamt). Dadurch, dass Kommunalpolitik meist ein ehrenamtliches Mandat ist, finden Sitzungen meist nachmittags und abends statt, um nicht mit den Arbeitszeiten zu kollidieren. In dieser Zeit fällt jedoch auch zentrale Sorgearbeit, wie Hausaufgabenbetreuung, Freizeitangebote oder das Abendessen kochen an. Frauen sehen sich häufiger mit der Frage konfrontiert, ob sie neben Familie und insbesondere Mutterschaft überhaupt die zeitlichen Ressourcen für politische Ämter haben. Fehlende Unterstützung im privaten Umfeld sowie weiterhin verbreitete, überholte Rollenbilder tragen dazu bei, dass politisches Engagement für Frauen schwieriger umzusetzen ist. Solche Erwartungen werden an Männer deutlich seltener gestellt. 

Hinzu kommt, dass der Wahlkampf auf Ehrenamtsebene selbst finanziert werden muss, insbesondere wenn man keiner Partei angehört. Obwohl Wahlkampfkosten von den Steuern abgesetzt werden können, muss das Geld natürlich erstmal zur Verfügung stehen. Hier spielt vor allem die sozioökonomische Herkunft eine Rolle, dies kann jedoch auch durch das Geschlecht verschärft werden. Wie der Gender Pay Gap und die geschlechtsspezifische Altersvorsorge­lücke verdeutlicht, sind Frauen finanziell schlechter aufgestellt und es stehen ihnen diesbezüglich weniger Ressourcen zur Verfügung. Frauen sind außerdem häufiger in Teilzeit beschäftigt.  

In einigen Kommunen gibt es bereits Versuche, die Rahmenbedingungen fairer zu gestalten, zum Beispiel durch die Möglichkeit, an Sitzung online teilzunehmen. Dies erleichtert die Teilhabe für viele. Hier ist dennoch zu beachten, dass bei hybriden Formaten die Gefahr besteht, von inoffiziellen Gesprächen in Pausen und ausgeschlossen zu sein.  

Viele Kommunen und Gemeinden ermöglichen außerdem die Erstattung von Kinderbetreuungskosten. Doch auch hier berichten viele Kommunalpolitiker*innen, dass die Organisation der Betreuung und die Erstattung im Nachhinein weiterhin eine Hürde darstellt. Ein Best Practice Beispiel gibt es aus Halle (Saale), wo Kinder während den Sitzungen kostenfrei in einer Kita nahe des Sitzungsorts betreut werden. 

Neben den Rahmenbedingungen beeinflusst auch die politische Kultur, ob Frauen kommunalpolitisch aktiv werden und bleiben.  

In vielen Parteien existieren nach wie vor exklusive, parteiinterne Männernetzwerke, die den Zugang zu wichtigen Positionen erleichtern. Innerhalb dieser Strukturen wirkt häufig das Prinzip der „homosozialen Kooptation“: Personen fördern bevorzugt diejenigen, die ihnen ähnlich sind – in diesem Fall oft andere Männer. Dadurch werden Frauen systematisch seltener berücksichtigt oder aktiv gefördert (siehe Gutachten) 

Überparteiliche informelle Kontakte, etwa bei Treffen nach Sitzungen oder in geselligen Runden, sind oft bedeutsam für politische Karrieren. Frauen haben hierzu häufig erschwerten Zugang. Erfahrungsberichte aus der Kommunalpolitik zeigen, dass sie sich aktiv bemühen müssen, überhaupt einbezogen zu werden, und oft erst nach eigenem „sich aufdrängen müssen“ in Gespräche integriert werden. Diese Hürden wirken abschreckend und erschweren nachhaltige Vernetzung. 

Auf individueller Ebene wirken internalisierte Rollenbilder und Sozialisierung: Geringeres Selbstbewusstsein oder größere Zurückhaltung entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern sind oft das Resultat wiederholter Erfahrungen von Ausschluss oder Abwertung. Verstärkt wird dies durch einen teilweise sexistisch geprägten Umgang in politischen Gremien. Geschlechterspezifische Kommentare, abwertende Bemerkungen oder mangelnder Respekt in Debatten tragen dazu bei. Hier hören wir immer häufiger, dass die Debattenkultur in politischen Gremien zunehmend rau und aggressiv ist. Sich regelmäßig mit sexistischen Witzen und geschlechtsspezifischen Beleidigungen auseinandersetzen zu müssen, ist erschöpfend.  

Die Daten der 12. Leipziger Autoritarismus-Studie zeigen, dass sexistische und misogyne Einstellungen gegenüber Frauen in der Politik, insbesondere in Ostdeutschland, weiterhin weit verbreitet sind. So stimmen mehr als 30 % der Befragten entsprechenden Aussagen zu. Konkret äußern 34,9 %, dass „Frauen sich in der Politik häufig lächerlich machen“. Weitere 35,6 % vertreten die Ansicht, dass „Frauen, die mit ihren Forderungen zu weit gehen, sich nicht wundern müssen, wenn sie wieder in ihre Schranken gewiesen werden“. Zudem sind 31,4 % der Meinung, dass sich Frauen wieder stärker auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter besinnen sollten. 

Diese Einstellungen spiegeln sich nicht nur in Meinungsumfragen wider, sondern zeigen sich auch im politischen Alltag. Politikerinnen, die Mütter sind, werden oft gefragt, ob sich das denn vereinen ließe – Väter in der Politik bekommen diese Frage selten. Politikerinnen berichten sowohl im analogen als auch im digitalen Raum von sexistischen Anfeindungen. Insbesondere mit einer stärkeren Online-Präsenz steigt die Wahrscheinlichkeit Ziel von Beleidigungen und Drohungen zu werden. Diese Erfahrungen können dazu führen, dass politische Karrieren von Frauen infrage gestellt werden und die Entscheidung, sich politisch zu engagieren, unter dem Eindruck solcher Anfeindungen neu abgewogen wird. 

Insgesamt zeigt sich, dass der geringe Frauenanteil in der Politik ein komplexes Zusammenspiel aus kulturellen Normen, strukturellen Barrieren und alltäglichen Erfahrungen ist. Solange sich diese Rahmenbedingungen nicht grundlegend verändern, bleibt politische Teilhabe für viele Frauen mit deutlich höheren Hürden verbunden als für Männer. 

Einige dieser Umstände fallen erst richtig ins Gewicht, wenn Familienplanung oder Care-Verantwortung eine Rolle spielen. Geschlechterstereotypen, Selbsteinschätzung und Klischees verankern sich aber schon viel früher. Es lohnt sich, ein Blick in die Jugendbeteiligung. Wie und wo können Mädchen* und junge Frauen Selbstwirksamkeit und politische Teilhabe lernen? Und wie ist es, im Jugendalter politisch aktiv zu sein?  

In Brandenburg ist die Jugendbeteiligung auf kommunaler Ebene in §19 der Kommunalverfassung festgeschrieben. Im ganzen Bundesland gibt es über 50 Kinder- und Jugendgremien, in denen sich Jugendliche engagieren können. Die Kommunalverfassung spricht explizit von Kinder- und Jugendbeiräten, dieses Format ist somit auch am weitesten verbreitet. Das Kompetenzzentrum Kinder- und Jugendbeteiligung Brandenburg (KiJuBB) unterscheidet zwischen vier Feldern der Beteiligung: Interessenvertretung, eigenständige Mitwirkung, Beteiligung durch politische Bildung und ehrenamtliches Engagement (Krüger et al. 2023, S. 12). 

In ihrer Bachelorarbeit hat sich Anaïs von Fircks mit Geschlechterdynamiken in der Kinder- und Jugendbeteiligung auseinandergesetzt. Sie befragte 150 ehemalige und aktive Jugendliche aus etwa 100 Gremien in ganz Deutschland. Da es sich um eine Bachelorarbeit handelt, ist davon abzusehen, die Ergebnisse als repräsentativ zu lesen, dennoch geben die Ergebnisse Einblicke in die Realität der Jugendgremien. Aus Brandenburg haben auf Grund persönlicher Kontakte die meisten teilgenommen. Besonders für unseren Kontext sind die Ergebnisse also interessant! 

Von den befragten Gremien wiesen 73% einen FINTA*-Anteil1 von 50% oder mehr auf. Im Vergleich zu den politischen Gremien auf Kommunal-, Landes- und Bundesebene ist das eine erfreuliche Erkenntnis. Die hauptverantwortliche Person ist in 36 der 98 Gremien cis-männlich2, in 23 Fällen gibt es eine paritätische Aufteilung der Position. Den Kontakt zu Politik und Verwaltung halten in 36% der Fälle eher cis-männliche Personen. Diese Verteilung von Verantwortung klingt zunächst ausgeglichen, jedoch sollte dies relativ zur Geschlechterverteilung in den Gremien gesehen werden.  

Von Fircks fand heraus, dass 63 der befragten Gremien Geschlechterungerechtigkeiten thematisieren, am häufigsten durch eine freiwillige Parität (50%) und Empowerment-Maßnahmen (43%). Eine verpflichtende paritätische Besetzung und Quoten sind aber seltener (etwas mehr als 10%). 34 der befragten Gremien nutzen in ihren Texten geschlechtergerechte Sprache, 42 haben diese bisher nicht besprochen. Ein einziges Gremium hat sich explizit dagegen entschieden.  

Von Fircks’ Befragung zeigt eine relativ ausgeglichene Geschlechterverteilung in den Jugendgremien. Erste Stereotype sind im Ansatz zwar zu erkennen, aber bei Weitem nicht so offensichtlich wie in der Kommunal- oder Landespolitik. Deutlicher werden geschlechtsspezifische Unterschiede jedoch in bestimmten Aufgabenverteilungen. So schreiben FINTA*-Personen fast doppelt so häufig Protokoll wie cis-männliche Personen. Auch übernehmen FINTA*-Personen häufiger kreative Aufgaben, wie das Design von Informationen und Öffentlichkeitsarbeit auf Social Media. 

Neben der quantitativen Umfrage gewann von Fircks auch qualitative Einblicke. Diese machen Geschlechterstereotype und Ungleichheiten sichtbarer. So heißt es in einem Zitat:  

„Jungs sehen ja auch Männer in der Politik und denken automatisch, dass ihnen Macht zusteht, weil sie keine Minderheit sind wie wir junge Frauen. Jugendgremien sind häufig paritätisch besetzt, nehme ich wahr. Aber sobald es zum Beispiel um Vorstandswahlen geht, dann sind Mädchen* zurückhaltender und müssen da wirklich viel Mut aufbringen. […]“ 

Eine andere Person berichtet: „Wir hatten ein Jahr mit deutlich mehr Jungs im Beirat, welche auch alle deutlich älter waren als ich. Obwohl ich einen großen Teil der Arbeit gemacht habe, hatte ich oft bei den Treffen das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, dass meine Leistungen von anderen Leuten nicht wahrgenommen wurden, andere Jungs dafür in den Himmel gelobt wurden und oft sexistische Witze und Kommentare gemacht wurden. Das war ziemlich frustrierend. […]“ 

Auch im Kontakt zur Kommunalpolitik machen die Jugendlichen teils abschreckende Erfahrungen: 

„[…] In den Ausschüssen ist mir aufgefallen, dass regelmäßig (ausschließlich männliche) Stadtverordnete Kommentare gemacht haben, die sie den Jungs gegenüber nicht machen würden. Z.B. übers Aussehen und dass man als Frau in der Politik ja über die Quote jeden Posten bekommen kann. So als junger Mensch in der Kommunalpolitik zu navigieren und dann auch das Gefühl zu haben, die männlichen Mitglieder des Gremiums würden anders von der Politik wahrgenommen werden und ihre Leistungen anders anerkannt, ist schon echt frustrierend.“ 

Um persönlichere Einblicke in die Welt der Kinder- und Jugendbeteiligung in Brandenburg zu gewinnen, haben wir auch Interviews geführt. Diese veröffentlichen wir in Kürze.

Von Gesche Andert und Charlotte Stierand  

1 FINTA steht für Frauen, inter-geschlechtliche, non-binäre, Trans- und agender Personen. Diese Begrifflichkeit wird in der Bachelorarbeit genutzt. 

2 cis-männlich beschreibt einen Mann, dessen Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt. Diese Begrifflichkeit wurde in der Bachelorarbeit genutzt.  

Quelle: 

Krüger, J./Ringler, D./Adam, S. (2023): Wirksam, Verbindlich, Vielfältig? Kommunale Jugendbeteiligung durch Jugendgremien. 

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